Genehmigung Solaranlage: Das Vorzeigedach von Göttingen

634 Solardachziegel verteilen sich nach genau berechneter Sonneneinstrahlung auf sechs der acht Dachflächen. Weil die flachen, roten Ziegel die historische Stadtansicht Göttingens bewahren, durften sie auch zur Straßenseite hin verlegt werden. Aufdachmodulen ist das weiterhin untersagt. (Foto: Stolberg Bedachungen)

Christian Retkowski kämpfte jahrelang für die Genehmigung seines Solardachs, bis es ihm gelang, die Stadt Göttingen zu überzeugen – mit der eigens dafür entwickelten roten Solardachziegel „Stylist PV“ von Jacobi-Walther. Jetzt ist sein Dach sogar ein Vorzeigeobjekt.

Der Tag, an dem Christian Retkowski zu seiner zweiten Anhörung in der Baubehörde erschien, irgendwann im Juni 2021, könnte als energetische Zeitenwende in Göttingens Geschichte eingehen. Denn der Diplom-Volkswirt aus der Oststadt zauberte eine bis dato unbekannte Solardachziegel aus seinem Rollkoffer – und leitete damit ein behördliches Umdenken ein: Fortan ist Eigentümern und Eigentümerinnen denkmalgeschützter Häuser ein komplettes Solardach möglich. Und außerdem könnte Göttingen damit seinem selbstgesteckten Ziel, bis 2030 klimaneutral zu werden, ein entscheidendes Stück näher kommen.

Für Retkowskis Antrag zur Genehmigung seiner Solaranlage gab es keinen Ermessensspielraum

Bei seiner ersten Anhörung im April 2020 hatte Retkowski den ganz normalen Antrag gestellt, das Dach seines Hauses im Friedländer Weg mit herkömmlichen, silbrig-blauen oder schwarzen Aufdach-Modulen zu decken. Was er nicht ahnte: Das Bauamt musste ablehnen, weil die Erhaltungssatzung „Schildweg“ das charakteristische Erscheinungsbild dieses Viertels schützt. „Es gab keinen Ermessensspielraum für straßenseitige Dachflächen, alles, was die historische Stadtansicht beeinträchtigt, müssen wir ablehnen“, erklärt die Baubehörde noch heute, „Wir waren und sind unserer Satzung verpflichtet“. Allenfalls auf den rückwärtigen, uneinsehbaren Dachflächen hätte Retkowski Module anbringen dürfen. Damit aber wäre seine Anlage von 7 auf 3 kWp gesunken – auf viel zu wenig.

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Im Dach des 130 Jahre alten Hauses nisteten Tauben, es regnete herein und es war nicht gedämmt. Die acht, relativ kleinen Dachschrägen sind ideal für Solardachziegel, weil sie ein Maximum an Fläche für Photovoltaik erschließen. (Foto: Stolberg Bedachungen)

Retkowski gab sein Ansinnen zunächst auf, kochte aber innerlich. Denn sein kompliziertes, kreuzförmiges Satteldach musste saniert werden. Es war nicht gedämmt, Tauben hatten sich im Dachstuhl eingenistet, und es regnete herein. Außerdem wollte Retkowski das Obergeschoss für seine 83-jährige Mutter ausbauen, damit sie zu ihm ins Haus ziehen kann. Retkowskis Energieberater Stefan Haase hatte empfohlen, das Dach auf KfW-50-Standard zu dämmen und bei dieser Gelegenheit gleich Photovoltaik einzubauen, um damit seinen Eigenbedarf von 4.000 kWh im Jahr zu decken.

Ohne genehmigte Solaranlagen keine Klimaneutralität

Retkowskis Stromverbrauch war nämlich kürzlich gestiegen: Haase hatte ihm vorgerechnet, wie effektiv sein Warmwasserbedarf mit einer Innenraum-Umluft-Wärmepumpe inklusive 250 Liter Tank gedeckt werden kann. Die kann er auch mit einer neuen, super-sparsamen Gas-Brennwerttherme kombinieren. Obendrein hat Retkowski die beiden Kaminzüge im Haus ertüchtigen lassen, damit zwei Kaminöfen in Übergangszeiten für Wärme sorgen. Mit all diesen klimafreundlichen Investitionen hat Retkowski seinen Gasverbrauch um sagenhafte 60 Prozent reduziert. Jetzt fehlte nur noch die Photovoltaik für die Wärmepumpe...

„Verdammt noch mal“, grollte Retkowski, „Göttingen hat sich doch bis 2030 Klimaneutralität verordnet!“ Aber von den 310.000 kWp möglicher Solarstromanlagen auf Göttinger Dächern wurden anno 2021 gerade mal 15.000 kWp realisiert, also nur lächerliche 5 Prozent. Eigentlich müsste doch schleunigst jedes mögliche Dach genutzt werden! „Ich dachte, dass die Stadt Göttingen wirklich nachhaltig werden möchte und dass ihr selbst gestecktes Klimaziel nicht nur eine schnöde Werbekampagne ist“, zitierte ihn das Göttinger Tageblatt. Retkowski hatte dessen Redakteur Michael Brakemeier seinen Groll gesteckt und ihm gleich noch das marode Dach und seinen nagelneuen HighTech-Heizungskeller gezeigt.

Retkowski informierte die Presse – und sofort tat sich was

Sein Plan ging auf: Im Februar 2021 erklärte das Göttinger Tageblatt Retkowskis Flop zum „Thema des Tages“ und stellte sich demonstrativ auf seine Seite. Ihr Kolumnist Lars Wätzold geißelte „amtliche Ignoranz“ und ätzte: „Aber immerhin – wenn die Klimakatastrophe da ist, sehen wenigstens die Dächer im Friedländer Weg immer noch spitze aus“. Und dann erschienen auch noch diverse Leserbriefe, „absurd“ und „aus der Zeit gefallen“ waren noch die mildesten Urteile.

Gerechterweise muss hier festgehalten werden, dass das Dilemma der Gemeinden, ihren (raren) historischen Bestand im Originalzustand zu erhalten und gleichzeitig den Ertrag regenerativer Energien zu fördern bzw. drastisch zu erhöhen, 2021 kaum lösbar war. Göttingens historisches Erbe ist vergleichsweise groß, die Jahrhunderte alte Innenstadt wurde im zweiten Weltkrieg kaum zerstört, ein einzigartiger Schatz. 2021 gab es für Baubehörden weder rechtlichen Spielraum noch kannten sie ästhetische Lösungen. Frust oder unbefriedigende Kompromisse waren quasi Programm. Beides hat sich jedoch geändert: 2022 wurde der Denkmalschutz landesweit verpflichtet, regenerative Energiegewinnung „regelmäßig zu ermöglichen“ (siehe auch „Photovoltaik und Denkmalschutz schließen Frieden“), und mittlerweile hat auch die Solarindustrie kleinteilige, integrierbare und unauffällige Module entwickelt. Es hat sich also Entscheidendes getan.

Trotzdem: Göttingens Öffentlichkeit war mobilisiert, und prompt beschloss der Rat der Stadt im April 2021, bestehende Satzungen so anzupassen, dass „Solaranlagen auf den Dächern von Bestandsgebäuden grundsätzlich installiert werden können“. Göttinger Hauseigentümer hatten nun generell das Recht, Solarmodule zu installieren, wo immer sie wollten. Retkowski allerdings war damit nicht geholfen, sein Haus unterlag weiterhin dem Ensembleschutz (und tut es noch heute).

Genehmigung Solaranlage: Retkowski bekam Schützenhilfe von Dachdecker Kahle

Es war schließlich der Dachdeckermeister Hans-Jürgen Kahle, der die Kontrahenten versöhnte: Denn er wusste die Lösung. Kaum hatte er von Retkowskis Ärger gehört, meldete er sich bei ihm und stellte ihm eine flache Solardachziegel von Jacobi Walther mit Autarq-Technologie vor. Leider gab es sie nur mit schwarzen Modulen (und die durfte die Stadt ja nicht zulassen), also beschloss man, die beiden Hersteller für eine rote Variante zu gewinnen. Und ein paar Wochen später kreuzte Retkowski tatsächlich mit der eigens entwickelten roten Solardachziegel im Bauamt auf. „Der Empfang war kühl, ich wurde nicht gerade freundlich empfangen,“ erzählt Retkowski. Schließlich hatte er die Presse und die Öffentlichkeit gegen die Stadt aufgebracht und sie in Erklärungsnot gebracht. „Aber als ich dann den Prototyp der ersten rot-roten Solardachziegel aus meinem Rollkoffer zauberte, bröckelte die Ablehnung, und man zeigte höflich distanziert Bereitschaft, meinen Antrag noch mal zu prüfen“.

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Mit der rot-roten „Stylist PV“ von Jacobi-Walther mit Autarq-Technologie marschierte Christian Retkowski aufs Bauamt – und überzeugte drei skeptische Behörden von der ästhetischen Qualität seiner geplanten Photovoltaik-Anlage. Im Hintergrund rechts sein Großelternhaus, in dem er seit 2003 wohnt. (Foto: Göttinger Tageblatt)

Die Solardachziegel retteten die Stadt aus der Bredouille

Die überraschende Bekanntschaft mit der Solardachziegel hat die Baubehörde zwar in Verlegenheit gebracht (wieso musste erst ein renitenter Bauherr darauf kommen?!), aber heute klopfen sich alle Beteiligten auf die Schulter. Dinah Epperlein vom Referat Nachhaltige Stadtentwicklung findet zwar, dass die Presse den Fall aufgebauscht hat, aber: „Es ist lobenswert, wenn Bürger hartnäckig bleiben. Herr Retkowski hat uns ganz neue Perspektiven eröffnet“. Und Dominik Kimyon, Pressesprecher der Stadt, beteuert heute: „Das Dach ist auf jeden Fall ein tolles Anschauungsbeispiel für eine denkmalgerechte Lösung und wird mittlerweile in der Beratung genutzt. Es ist ein wunderbares Beispiel, dass sich Denkmalschutz und Klimaschutz nicht ausschließen müssen“.

Nach 19 Monaten war die Solaranlage genehmigt und Retkowski durfte endlich loslegen

Es dauerte trotzdem noch vier Monate, bis Retkowski im Oktober 2021 das definitive Okay der Baubehörde erhielt und Dachdecker Kahle seine Drohne zur Bestandsaufnahme des 130 Jahre alten Daches steigen ließ. „Stolberg Bedachungen“, so heißt sein Betrieb, besitzt solch eine fliegende Kamera nebst obligatorischem Führerschein, denn bevor einem Kunden aufwendig aufs Dach gestiegen wird, kann man heutzutage den Zustand zunächst vom Boden aus inspizieren. In den Aufnahmen liest Kahle wie in einem Buch. Erst im Ernstfall wird dann eingerüstet, und allein der firmeneigene Teleskopkran hievt schweres Gerät, Werkzeug und Material nach oben.

Kahle führt seine Firma in fünfter Generation, ein gleichermaßen traditioneller wie moderner Handwerksbetrieb. Nicht umsonst wusste Kahle von der Autarq-Solardachziegel, und auch in Fachkreisen wird der Dachdeckerbetrieb hoch dotiert: Erst kürzlich erklärte die Handwerkskammer Hildesheim ihn zum Partner Ihrer „Allianz für Nachhaltigkeit“, und im Juni 2023 gewann er in der Kategorie „Nachhaltigstes Konzept“ den 2. Platz beim Deutschen Dachpreis „Dachkrone“ – für das Solardach von Christian Retkowski. Kaum dass das Göttinger Tageblatt stolz über das fertige Dach berichtet hatte, kommt Kahle vom Telefon nicht mehr weg. „Die Anrufer freuen sich schon, wenn ich sie einfach nur berate. Aufträge kann ich leider nicht mehr annehmen...“, gesteht Kahle.

Trotz Genehmigung der Solaranlage geschah eineinhalb Jahre nichts

Bis Retkowskis Dach im März 2023 endlich saniert werden konnte, gingen noch einmal eineinhalb Jahre (!) ins Land. 2022 geschah praktisch nichts (außer dass Retkowskis Durchbruch im Göttinger Tageblatt gefeiert und der Verwaltung noch mal eins ausgewischt wurde). Nicht allein, dass im Februar die Schockwelle des Ukrainekrieges alle und alles lähmte, es gab auch immer noch die nervigen Lieferengpässe für sämtliche Elektronik-Komponenten aus Fernost, aber vor allem fand Retkowski monatelang keinen Elektriker, der am Ende den Kabelbaum an den PV-Wandler und den Wechselrichter anschließt und die Netzanmeldung durchführt, geschweige denn die Gewähr übernehmen wollte für Produkte, die er nicht selbst eingekauft hatte (und die ihm keine Gewinnmarge einbrachten).

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Mit 34 cm dicker Dämmung erreicht das Dach KfW 50-Standard. Vor dem Eindecken verlegten die Dachdecker zusammen mit einem Autarq Anwendungstechniker 250 Meter Kabelstrings für die 634 Solardachziegel. (Foto: Stolberg Bedachungen)

Als Kahles Dachdecker im Februar 2023 endlich loslegen konnten und nach vier Wochen alle Dämm-, Dicht- und Verkabelungsarbeiten abgeschlossen hatten, stellten sie aufgeregt fest, dass sie die allererste Charge der neu entwickelten rot-roten Solardachziegel in den Händen hielten – ein Motivationsschub ohnegleichen. Am Ende haben Sie ein Dach gedeckt, dass besser, nämlich wärmer, dichter und nachhaltiger, kaum geht: 34 cm Dämmung (14 cm Mineralwolle plus 20 cm Holzfaserplatten), eingedeckt mit 634 Solardachziegeln, die zusammen 5000 Kilowatt Strom erzeugen (8 Watt pro Ziegel).

Ein Foto eines Daches mit Solaranlagen
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Die Dachdecker begannen nach vier Wochen Rückbau, Dämmung und Abdichtung mit dem Neudecken des Daches. Die gesamte Dachsanierung dauerte knapp zwei Monate von Februar bis April 2023 (Foto: Stolberg Bedachungen)

Kaum fertig, ist Retkowskis Dach schon ein Vorzeigeobjekt

Kein Wunder, dass das Referat Nachhaltige Stadtentwicklung, der Umweltausschuss und die Baubehörde Retkowskis Haus als Referenzobjekt für die angestrebte Photovoltaik-Offensive betrachten und in Beratungen bereits bekannt machen. Denn wenn ein Altbau von 1890 mit einem obendrein Ensemble-geschützten Dach KFW 50-Standard erreicht und sogar seinen Strombedarf selbst deckt, kann das nur vorbildhaft sein.
Einen Vorgeschmack auf die künftige Popularität seines Daches bekam Christian Retkowski pünktlich zum „Tag der offenen Baustelle“ im März 2023. Als sich herumsprach, dass neben der Presse auch der NDR kommen werde, kletterte auch der ein oder andere Stadtbedienstete das Baugerüst hoch. Und sonnte sich anschließend in Retkowskis warmen Worten: „Im Nachhinein bin ich der Stadt dankbar, dass sie mich ausgebremst hat. Ohne ihr anfängliches Veto hätte es diese Lösung nicht gegeben.“

Retkowskis langer Atem zur Genehmigung der Solaranlage zahlt sich gleich mehrfach aus

Die dreijährige Verzögerung hat ihm im Übrigen auch viel Geld gespart: Hätte Retkowski sein Dach schon 2022 saniert, hätte er vom Wegfall der Mehrwertsteuer für Solarlösungen ab 2023 nichts gehabt. So aber bekommt er nicht nur knapp 20 Prozent Förderung von der BaFa für die Dämmung auf KfW 50-Standard - Solardachziegel sind anders als Aufdachmodule innerhalb von Energieeffizienzmaßnahmen förderfähig, weil sie Bestandteil des Hauses sind - und die Deckung mit Solardachziegeln (29.000 Euro), sondern kann mit der MwSt.- Ersparnis auch die Mehrkosten der Solardachziegeln kompensieren. Für eine Aufdach-Solaranlage hätte er übrigens keine Förderung erhalten.

Alles in allem schätzt Retkowski die Kosten am Ende auf 95.000 Euro. Genau das hätte auch eine konventionelle Dachdeckung mit aufgeständerten PV-Modulen gekostet. „Fortes fortuna adiuvat“ – Das Glück gehört dem Tüchtigen.

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