Solarindustrie in Deutschland: Was müssen wir uns abschauen?

Solarindustrie: “Wer die Finanzierung der Energiewende in Frage stellt, gefährdet die ökonomische Zukunftsfähigkeit unseres Landes”

Carsten Körnig (53) ist seit Anfang 2006 Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft e.V. (Foto: BSW)

Carsten Körnig ist bereits seit Ende der 1990er-Jahre in leitender Funktion für deutsche Solarwirtschafts-Verbände tätig. Im Interview spricht er über die Hindernisse der Energiewende, die es aus dem Weg zu räumen gilt, erklärt, warum Deutschland eine realistische Chance auf eine “Renaissance der Solarindustrie” hat und verrät, was Deutschland sich von anderen Ländern abschauen könnte.

 


Interview mit dem Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft e.V., Carsten Körnig

Steckbrief

Name Carsten Körnig

Alter 53

Profession 
Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW e.V.), der Interessenvertretung der Solartechnik- und Solarspeicherbranche in Deutschland

Wohnort K.A.

Credo 
Die Energiewende, der Klimaschutz und auch der Solar- und Speichermarkt machen nicht an Grenzen halt

Beispiele 
Berlin Energy Transition Dialogue
 


Herr Körnig, welchen Beitrag kann der Bundesverband Solarwirtschaft zur Energiewende leisten?

Der BSW-Bundesverband Solarwirtschaft e.V. versteht sich als Dienstleister der Solarwirtschaft und repräsentiert über 1.000 Unternehmen der Branche entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die Solar- und Speicherwirtschaft ist bei den weiteren Investitionen in den Umbau der Energieversorgung auf verlässliche Rahmen- und attraktive Investitionsbedingungen angewiesen. 

Der BSW-Solar beobachtet daher sehr genau die aktuellen Entwicklungen. In Umfragen und Konsultation in seinen Fachgruppen fragt der Verband regelmäßig die wichtigsten Marktbarrieren und den vorrangigen politischen Handlungsbedarf bei seinen Mitgliedern ab. Diese Erkenntnisse finden Eingang in die Politikberatung des Verbandes und in seine öffentliche Kommunikation. 

Parteiübergreifend pflegt der BSW-Solar enge Kontakte zu allen politischen Entscheidungsebenen, wird zu allen wichtigen Gesetzgebungsverfahren gehört und in zahlreiche regulatorische Entscheidungsprozesse eingebunden – wie zum Beispiel die aktive Rolle des BSW-Solar bei der Erarbeitung der PV-Strategie und Industriestrategie von Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck oder die Diskussionen mit Bundesfinanzminister Christian Lindner auf dem FDP-Parteitag über Steuererleichterungen.

Deutschland habe jetzt auch bei der Produktion eine realistische Chance für eine “Renaissance der Solarindustrie”


Was halten Sie für das größte Hindernis bei der Energiewende?

Wer die Finanzierung der Energiewende in Frage stellt, gefährdet nicht nur den Klimaschutz, sondern die ökonomische Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Deutschland hat in den letzten Jahren beim Ausbau der Solarenergie endlich wieder Gas gegeben und hat auch bei der Produktion jetzt wieder eine realistische Chance für eine Renaissance der Solarindustrie. 

Die dafür erforderlichen Milliardeninvestitionen der Industrie benötigen aber attraktive Investitionsbedingungen, wie z.B. Resilienz-Ausschreibungen für europäische Solarprodukte für einen Teil des Solarmarktes. Mehr Resilienz hat einen Preis, was zum Beispiel in den USA mit dem „Inflation Reduction Act“ (IRA) erkannt wurde (Anm. d. Red.: Der „Inflation Reduction Act“ ist das bisher größte Klimaschutzpaket der USA und hat damit auch Auswirkungen auf die Solarindustrie. Seit der Verabschiedung des IRA im August 2022 haben Solar- und Speicherunternehmen aus den USA in weniger als einem Jahr über 100 Milliarden US-Dollar an Investitionen angekündigt).

Gleichzeitig gibt es unzählige bürokratische Marktbarrieren, die Solarprojekte verzögern oder unnötig verteuern. Die Ampel-Koalition hat erste sinnvolle Maßnahmen zum Bürokratieabbau auf den Weg gebracht. Weitere Gesetzesreformen müssen nun aber schnell folgen, wenn die angestrebte Marktverdoppelung im Bereich der Photovoltaik bis 2026 erreicht werden soll und die Solarenergie endlich auch in der Wärmewende eine wichtigere Rolle spielen soll.

Welche Faktoren sind für Sie entscheidend, damit die Energiewende gelingt?

Der notwendige Ausbau der Photovoltaik kann nur durch den Ausbau in allen Marktsegmenten – von der PV-Anlage auf dem Eigenheim, dem Mehrparteienhaus bis hin zu PV-Gewerbedächern und der PV-Freifläche gelingen. Entsprechend vielseitig sind die notwendigen Akteure zum Erreichen der Ziele.

Die Solarindustrie braucht “den Abbau von Hemmnissen und Bürokratie”


Wer sind die wichtigsten Akteure?

Zu den wichtigsten Akteuren gehören neben den Solarunternehmen selber auch die privaten und gewerblichen Investoren, die in PV-Anlagen investieren. Ein weiterer wichtiger Stakeholder sind die Netzbetreiber, die den Netzanschluss und den Transport und zunehmend auch die Speicherung des erzeugten Solarstroms ermöglichen. Da die gesamte Energiewirtschaft auch künftig – selbst im Falle eines stärkeren Bürokratieabbaus – stark von regulatorischen Rahmenbedingungen abhängen wird, sind aber vor allen Dingen die Politiker:innen Akteure von entscheidender Bedeutung.

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Carsten Körnig war in den 90er-Jahren bei Greenpeace (Foto: BSW)

Was wünschen Sie sich von Politik und Gesetzgeber?

Die aktuelle Bundesregierung hat die notwendige Größenordnung des Ausbaus der Photovoltaik erkannt und gesetzlich fixiert. Nun kommt es vor allem darauf an, den Ausbau der Photovoltaik durch den Abbau von Hemmnissen und Bürokratie weiter zu beschleunigen und die richtigen Rahmenbedingungen für Investitionen in Photovoltaik und Speicher zu setzen. Wir brauchen Flächen für die Anlagen, günstige Finanzierungsbedingungen, schnelle Genehmigungsverfahren, einen leichteren Netzzugang und zunehmend mehr Fachkräfte, vor allem im Bereich Planung und Installation.

Welcher Schritt war bisher der wichtigste in der Energiewende, und wie können wir dort anknüpfen?

Die Energiewende ist ein Prozess, der sich weiterentwickelt. Zu den wichtigsten Schritten gehörten in der Anfangsphase sicherlich die Dächer-Programme in den 1990er Jahren sowie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im Jahr 2000, um die Technologie in den Markt einzuführen. Aufgrund der zwischenzeitlich erreichten erfreulichen Kostensenkung bei der Photovoltaik verlieren Subventionen nach und nach an Bedeutung, das EEG wird zunehmend zu einer „Versicherung“ und zu einem „Risiko-Dämpfer“ für Investoren. 

Zugleich hat inzwischen eine neue Phase begonnen, in der die Photovoltaik und andere Erneuerbare-Energien-Technologien im Strommarkt die dominierenden Erzeugungstechnologien werden. Dadurch stellen sich nun neue Fragen, insbesondere zum Strommarkt und der Schaffung von Flexibilitäten, wie z.B. das Speichern.

Energiewende: Deutschland wird genau beobachtet

Kann diese Thematik national gelöst werden oder braucht es mehr internationale Ansätze?

Die Energiewende, der Klimaschutz und auch der Solar- und Speichermarkt machen natürlich nicht an Grenzen halt – und die Arbeit des BSW-Solar auch nicht. Viele unserer Mitglieder machen Geschäfte im Ausland und der Verband unterstützt sie dabei und hat dafür eine eigene internationale Abteilung. Wenn man international einem Land zutraut, die Energiewende zu stemmen, dann ist es Deutschland. Daher wird auch genau beobachtet, zu welchen Lösungen wir kommen. Daher hat das Gelingen der Energiewende in Deutschland eine Wirkung auch über das Land hinaus.

Was kann Ihr Verband da konkret bewegen?

Der BSW-Solar ist natürlich nur einer von vielen Akteuren, aber wir sind stolz auf die Erfolge der letzten Jahre – so haben wir die Debatte um die internationale Energiewende u.a. durch Konzeption und Durchführung des „Berlin Energy Transition Dialogue“, deren Mitveranstalter wir sind, mitgeprägt und für zahlreiche Geschäftskontakte gesorgt. 

Außerdem haben wir mit vielen Projekten in aufstrebenden Solarmärkten die Energiewende auch in anderen Ländern vorangebracht und gleichzeitig für gute Geschäftsbedingungen in Zielmärkten für unsere Mitglieder gesorgt. So sind wir u.a. Mitbegründer und Partner der „German Energy Academy of Jordan“ in Amman. 

Unternehmen finden in unserem Ausschreibungs-Newsletter Projekte weltweit. Gemeinsam mit unserem Partner Solar Promotion sind wir nicht nur mit der Smarter E Europe (Europas größter Energiemesse) in München, sondern auch in Brasilien, Mexiko, Indien, dem Nahen Osten präsent. „Unter dem Flügel des Bundesadlers“ ermöglichen wir mit Unterstützung der Exportinitiative Energie Mitgliedern die Geschäftsanbahnung im Ausland.

“Wir staunen manchmal, was in anderen Märkten schon möglich ist”


Der BSW unterhält in rund 30 Ländern Partnerschaften, Sie haben also gute Einblicke in das internationale Geschehen. Was steht außerhalb Deutschlands im Fokus, wenn es um die Energiewende geht?

Die Energiewende ist so individuell wie die Länder, die sie umsetzen wollen. Kein Land kann seiner Geografie, seinen Nachbarn, seiner Infrastruktur, die es hat oder nicht hat, oder seinen Ressourcen entkommen.

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Carsten Körnig war am Zustandekommen des EEG beteiligt. (Foto: BSW)

Kann sich Deutschland von bestimmten Ländern Ideen oder Ansätze abschauen? Wenn ja, welche?

Die Menschen kommen auf unterschiedlichste Lösungen und Geschäftsmodelle, die entweder in vergleichbaren Märkten Anwendung finden – oder sogar den Weg nach Deutschland finden. Das gilt zum Beispiel für PPAs (Power Purchase Agreements - das sind individuell ausgehandelte, langfristige Stromlieferverträge, mit denen Unternehmen die Marktpreisrisiken minimieren können, Anm. d. R.). Es seien aber auch Mikrobezahlsysteme genannt oder die Verknüpfung von solarer Straßenbeleuchtung mit dem Netz, alles zum Thema Digitalisierung: Netzmanagement, Bezahlsysteme, Energiemanagement – da staunen wir manchmal, was in anderen Märkten schon möglich ist. So auch Floating-PV oder Agri-PV, die in unterschiedlichen Regionen verschiedenste Anwendungen und Weiterentwicklungen erfahren. 

Es gilt also wechselseitig voneinander zu lernen, um die Lernkurve zu beschleunigen und Fehler, wo möglich, nur einmal zu machen. Interessant ist aber auch, dass sich in allen entwickelten Märkten grob drei Marktsegmente herausgebildet haben: Eigenheime, Gewerbedächer und Freiflächen. Ganz wie in dem ersten großen Solarmarkt, Deutschland. Unter anderem daher ist die Erfahrung unserer Mitglieder auch weltweit geschätzt.

Der Bundesverband Solarwirtschaft bleibt auf der Hut

Ihr Verband versteht sich als „Schlepper“, „Lotse“ und „Eisbrecher“ für eine beschleunigte Energiewende in Deutschland. In welchen Bereichen muss er als „Eisbrecher“ tätig sein?

Zu Beginn der Nullerjahre, aber auch noch in den Zehnerjahren war diese Eigenschaft des BSW-Solar besonders gefragt. Damals gab es noch massive Widerstände aus dem Bereich der Atom-, Gas- und Kohleindustrie und deren hundert Mal stärker ausgestatteten Lobbyverbänden. Bei der Festlegung ambitionierter Ausbauziele, im Förder- wie im Ordnungsrecht, beim Netzzugang oder beim Bürokratieabbau muss auch bei einem starken Eisbrecher-Bug nicht selten mehrfach Anlauf genommen werden. Inzwischen ist die Fahrrinne der Energiewende etwas eisfreier geworden, so dass die Lotsen-Eigenschaften unseres Verbandes an Bedeutung gewonnen haben. Aber wir bleiben auf der Hut. Das Wetter kann bekanntlich auch schnell wieder umschlagen. 

Herr Körnig, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

 

Interviewreihe: Schöne, neue Energiewelt

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