Erneuerbare Energien: Jobs auf die es ankommt

Erneuerbare-Energien-Jobs: “Ohne die Leute kommen die Kabel nicht in die Erde”

Rolf Wiegand sagt: “Die Beschäftigten der regionalen Versorger sind die ersten, die die Energieversorgung 24/7 aufrecht erhalten und gewährleisten” (Foto: Rolf Wiegand)

Als Bundesfachgruppenleiter Energiewerkschaft bei der Gewerkschaft Ver.di kennt Rolf Wiegand die Herausforderungen rund um die Energiewende im Arbeitssektor genau. Im Interview erklärt er, was getan werden muss, damit der hohe Arbeitskräftebedarf gedeckt werden kann - und wie diese Jobs attraktiv gemacht werden können.

 


Interview mit Rolf Wiegand, 
Bundesfachgruppenleiter Energiewirtschaft bei Ver.di.

Steckbrief

Name Rolf Wiegand

Alter 55

Profession 
Bundesfachgruppenleiter Energiewirtschaft bei Ver.di

Wohnort Berlin

Credo 
Es braucht an allen Ecken und Enden Handwerker:innen, Meister:innen und Techniker:innen 

Beispiele 
Die regionalen Versorger
 


Herr Wiegand, welchen Beitrag kann eine Gewerkschaft wie Ver.di zur Energiewende leisten?

Das erste, was stimmen muss, sind die Rahmenbedingungen, die im Wesentlichen politisch gesetzt werden. Durch die unterschiedlichen Krisen, insbesondere den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, gibt es jetzt veränderte Vorzeichen und verschärfte Bedingungen, die dazu geführt haben, dass sich der Rahmen nochmal verändert hat. Vor diesem Krieg ist man davon ausgegangen, dass man - durch den Ausstieg aus der Kernenergie und Kohle - Gas als Brücken-Energieträger einsetzt. Dies ist durch den Krieg nicht nur in Frage gestellt worden, sondern in der bisher genutzten Form weggebrochen. Die Preise am Markt sind rasant gestiegen. Das hat zu einer Beschleunigung der notwendigen Änderung der Ausrichtung der Energiepolitik und -importe geführt, der Gesetzgeber musste nachsteuern. Das ist bis heute eine Herausforderung für alle Beteiligten. Die Preissituation hat sich trotz Entspannung auf einem deutlich höheren Niveau eingepegelt, als das vor dem Krieg der Fall war.

“Die Beschäftigten der regionalen Versorger sind die ersten, die die Energieversorgung 24/7 aufrecht erhalten und gewährleisten”

Welche Faktoren sind für Sie entscheidend, damit die Energiewende gelingt?

Eine weitere Voraussetzung ist: Wir brauchen eine Sicherheit der Investitionen – für die Konzerne genauso wie für die Stadtwerke. Die regionalen Versorger sind ein wichtiges Rückgrat der Energieversorgung und unserer Auffassung nach auch der Energie- und Wärmewende. Deren Beschäftigte sind die Leistungsträger:innen und die ersten, die die Energieversorgung 24/7 aufrechterhalten und gewährleisten. Für die Zielerreichung der Klimaneutralität müssen wir zusätzlich weiteres Personal gewinnen. Denn ohne die Leute kommen die Kabel eben nicht in die Erde.

Was erwarten Sie/wünschen Sie sich von Politik und Gesetzgeber?

In der konkreten Krise schnell agieren und entscheiden zu müssen, ist nachvollziehbar. Da sind im „Wochentakt“ Gesetze gemacht worden, die notwendig waren, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Der Rhythmus ist dann allerdings beibehalten worden in den Perspektiventscheidungen – Stichwort Gebäudeenergiegesetz – und darunter hat der Dialog gelitten und ist zu kurz gekommen. Ich appelliere, den Dialog mit den Verantwortungsträger:innen der Branche – das sind nicht nur die Unternehmen und Verbände, sondern eben auch die Gewerkschaften – aktiv zu pflegen. Mit uns muss ebenfalls das ständige Gespräch gesucht werden, wie wir in der Perspektive die Themen angehen und mitgestalten. Die Anforderung an die Politik lautet: Geht ins Gespräch, bezieht die Fachleute mit ein, guckt, dass wir damit auch die gesellschaftliche Akzeptanz steigern können.

Hatten Sie das Gefühl, von der Politik bei diesen Entscheidungen übergangen worden zu sein?

Sagen wir es mal so: Die Reaktionszeiten waren einfach zu kurz. Von der Kommunikation her ist das überschaubar gelaufen – und die Stoßrichtung war nicht mehr klar. Später kam ja noch das Thema kommunale Wärmeplanung hoch, da war die Beteiligung offener. Auf einmal klärte sich das Bild: Wie gehen wir mit der Wärmewende um? Wie bringen wir die Partner:innen zusammen? Stimmen Ziele und Zeitplan? Das ist genau das, was es zu vermeiden gilt: Verwirrung, fehlende Information und Transparenz. Die eine, noch notwendige, Schleife mehr zu gehen, bringt einfach eine höhere Garantie mit sich, dass die Akzeptanz steigt.

“Die finanziellen Möglichkeiten und die wirklichen Kapazitäten an Mitarbeiter:innen bilden den Flaschenhals”

Was halten Sie für das größte Hindernis bei der Energiewende?

(Lange Pause) Die beiden größten Punkte, die den Flaschenhals bilden, sind die finanziellen Möglichkeiten und die wirklichen Kapazitäten an Mitarbeiter:innen. Dazu kommt, dass wir an einigen Stellen ja noch am Anfang von Entwicklungen stehen, wie etwa beim Thema Speicherkapazität. Gasspeicher haben wir, die Diskussion läuft jetzt Richtung Wasserstoffspeicher. Dazu kommen andere Speichermöglichkeiten, wie im Bereich Wärmespeicherung oder die Frage von Batteriespeichern, die entwickelt werden müssen. Da haben wir auch technisch noch eine ganze Menge zu tun.

Welcher Schritt war bisher der wichtigste in der Energiewende, und wie können wir dort anknüpfen?

(Wieder Pause) Vielleicht werfen wir erst nochmal einen Blick zurück, das gehört einfach dazu. Wenn die Energiewende vom Anfang der 2000er Jahre konsequenter weitergeführt worden wäre, würden wir manche Diskussionen heute nicht führen. Da sind uns ein paar Jahre verloren gegangen und das holt man nicht durch ambitioniertere Ziele einfach so auf.

Die entscheidenden Punkte sind: Wir sind in der Lage gewesen, mit Blick auf den Kohleausstieg, den Weg in Richtung Gaskraftwerke zu gehen, auch „H2-ready“. Das hat meiner Ansicht nach funktioniert. Da stottert der Motor deswegen noch, weil wir mit der Gasversorgung jetzt bewusster umgehen müssen, aber das „H2-ready“-Thema war schon vorher vorhanden, da ist einiges passiert. Für die Grundlast brauchen wir eine Kraftwerksstrategie. Beim Thema Wärmewende haben wir mit den Wärmepumpen einen Sprung nach vorne gemacht. Die Entscheidung zum Ausbau der Fernwärme ist trotzdem ein notwendiges Zeichen. Beim Stromnetzausbau und bei der Digitalisierung sind wir auf dem Weg. 

Die Fragen lauten: Funktionieren die Lieferketten? Kriegen wir das Material und Personal? Da passiert eine ganze Menge. Die Branche hat sich völlig darauf orientiert, dass wir die Energie- und Wärmewende hinbekommen und anpacken – und das ist auch im Bewusstsein der Kolleg:innen.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt verändern, damit die Energiewende gelingen kann?

Der Arbeitsmarkt ist, glaube ich, nicht das Thema.

“Ich brauche Handwerker:innen, Meister:innen und Techniker:innen an allen Ecken und Enden”

Welches ist dann Ihrer Meinung nach das Thema?

Wir haben einen hohen Arbeitskräftebedarf und sind mitten im demografischen Wandel. Also geht das Thema in mehrere Richtungen: 

In die hochtechnische, wo wir Ingenieur:innen und IT-Expert:innen brauchen. Wir haben auch Engpässe bei der Hochschulausbildung und den Kapazitäten auf dem Arbeitsmarkt, das sind Engstellen und die Konkurrenzen sind da enorm hoch. 

Das zweite Thema ist: Wir brauchen die Arbeitskräfte auch in den Dienstleistungen und bei Beratungskapazitäten. Notwendiges Erfahrungswissen schüttele ich nicht einfach so aus dem Ärmel. 

Und dann haben wir das dritte Thema: Wir müssen im wahrsten Sinne des Wortes umbauen, neu bauen. Trassen der Versorgung, LNG-Terminals - übrigens ein Beweis, dass Dinge schnell funktionieren können -, das Verteilnetz vor Ort, Leitungen ertüchtigen und digitalisieren. 

Das heißt, ich muss real Kabel in die Erde verlegen und Infrastrukturen ertüchtigen. Und das heißt, ich brauche Handwerker:innen, Meister:innen und Techniker:innen an allen Ecken und Enden. Ich brauche Menschen, die bereit sind, in Schichten oder Wechselschichten zu arbeiten. Die Energieversorgung muss ja sichergestellt werden, Störungen 24/7 vermieden und behoben werden. Das muss den Kolleginnen und Kollegen angemessen mit Tarifverträgen bezahlt werden. 

Unsere Betriebe gehören zu den stärksten Ausbildungsbetrieben, auch in den Kommunen und Städten bilden sie mit das Rückgrat der Ausbildung. Viele haben sich seit einigen Jahren schon auf den Weg gemacht, verstärkt die Ausbildung auszuweiten. Da hat ein Umdenken stattgefunden, denn in den Jahren zuvor wurde Personal ja abgebaut.

Zoomen

Dachdecker verlegen Solardachziegel in München Pasing 2023 (“Foto: Amelie Niederbuchner, WE SUM GmbH)

Jobs in den Erneuerbaren Energien müssen attraktiv sein


Wer ist am meisten gefordert, die von Ihnen angesprochenen Engstellen so klein wie möglich zu halten?

Die Betriebe sind schon selber gefordert. Die Herausforderung besteht darin, sich auf die Situation am Arbeitsmarkt einzustellen. Sich bewusst zu machen, dass nicht mehr alle Stellen selbstverständlich aus Bewerbungsverfahren besetzt werden können. Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden, eine Perspektive für die Menschen und positive Identifikation zu schaffen. 

Dazu gehört eine starke Positionierung in der Öffentlichkeit, nach dem Motto: Wir arbeiten Hand in Hand, wir schaffen das mit Qualität und guter Arbeit. Das gilt für Handwerker:innen, Dienstleister:innen, IT, Ingenieur:innen, den kaufmännischen Bereich. Das heißt, Einkommens- und Lebensperspektiven bieten zu können, die durch Tarifverträge und starke Mitbestimmung gewährleistet werden. 

Das andere ist: Wie können bisher nicht erfasste oder gehobene Ressourcen gewonnen werden? Da kommt die Politik und Verwaltung mit ins Spiel: Wie kriegen wir es hin, Menschen für eine Berufsausbildung zu motivieren, sich dafür auch die Befähigungen anzueignen? Menschen zum Beispiel, die sagen: Ok, Schule war nicht meins, aber ich habe Interesse an einer Ausbildung. Wie kann das unterstützt werden? 

Im Bereich der Berufsausbildung senkt keiner die Standards, da geht es darum, die notwendigen Kenntnisse zu erwerben. Da haben Jobcenter, Jugendberufsagenturen und die Bundesanstalt die Aufgabe, im Kontakt mit den Betrieben anzupacken. Ich weiß, dass die Bundesregierung sich da auf den Weg gemacht hat. In der heutigen Zeit braucht es schnelle und flexible Antworten. Da muss den Firmen und Betrieben etwas an die Hand gegeben werden. Mit den Betriebsräten kann da eine ganze Menge bewegt werden, um Menschen zu gewinnen.

“Wir müssen den Pfad konsequent weitergehen”

Wie sehr sind Sie in Sorge, dass die jüngsten Haushaltsproblematiken das alles negativ beeinflussen?

Im Zweifelsfall dauert alles länger, da muss man sich nichts vormachen. Zu glauben, dass der Markt die Dinge schon regelt und man nur darauf warten muss, weil das alles so attraktiv ist, das wird nicht funktionieren. Wenn, dann regelt das nur ein Zusammenspiel zwischen Politik, Unternehmen und Gewerkschaften sowie öffentlichen und privaten Investitionen. 

Es braucht Anreize und Sicherheit für Investitionen, ergänzt durch Beihilfen und Förderungen. Diese Entscheidungen, die jetzt getroffen worden sind, verunsichern schon stark. Investitionsentscheidungen könnten vertagt werden. 

Wir arbeiten daran, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir diese Investitionen brauchen, um die Energiewende voranzutreiben. Wir müssen den Pfad konsequent weitergehen. Die Menschen haben ja den Bedarf: Wie kriege ich meine Heiz- und Stromkosten gewuppt? Wie koche oder heize ich in Zukunft? Das sind Fragen, die sich über Dekaden entscheiden – und diese Entscheidungen stehen für viele, viele Menschen an. Insofern ist es absolut notwendig, dass es zuverlässige Perspektiven und Regeln gibt.

Herr Wiegand, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

 

Interviewreihe: Schöne, neue Energiewelt

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